Hochzeit in Rogalwalde und Umzug nach Königsberg

Am 06.06.1924 heirateten meine Eltern in Rogalwalde. Mit der Zeit entwickelte sich ein sehr herzliches Verhältnis zwischen meinem Vater und seinen Schwiegereltern. Er wurde wie ein eigener Sohn angenommen. Wie viele Schwiegersöhne in der ganzen Welt hätten sich eine so gute Beziehung zu ihren Schwiegereltern gewünscht!

Das Hochzeitsbild meiner Eltern in einem Fotoalbum, welches leider in Königsberg verblieben und verschollen ist, ist mir noch in guter Erinnerung: Meine liebe gute Mutti im langen weißen Hochzeitskleid im Arm meines Vaters, der in Frack und Zylinder eine gute Figur machte.

Die standesamtliche Trauung fand in Groß Karpowen statt. Das war das Rittergut, das einst die Vorfahren von Bucholz besessen hatten.

Bei der Trauungszeremonie im Park von Rogalwalde wurde mein Vater ständig von einer Mücke gepiesackt und ein aufkommender Windstoß warf die Notenblätter der Musikanten durcheinander.

Für die Unterbringung der vielen Gäste mußte auch die Wagenremise sowie die Scheune ausgeräumt werden. Für die in der Scheune Schlafenden wurde ein Seil von der Scheune in das Gutshaus hinauf zur Toilette gespannt – für den Fall des Falles!
Einer der Gäste zog sich am Seil zur Tür des Hauses und dann gleich wieder zurück – er hatte nicht begriffen, daß das Seil im Haus noch weiter ging.

Am Frühstückstisch am nächsten Morgen waren manche noch in Katerstimmung. Mein Patenonkel Lothar Tietz, den seine Schwester Eva Tietz ein bißchen strafend ansah, sagte zu ihr: „Aber Evchen, was starrst Du mich so an. Ich habe doch nicht die silbernen Löffel gestohlen!“

Wohin die Hochzeitsreise meiner Eltern führte, kann ich nicht genau sagen. Ich weiß nur, daß sie in München waren, mit dem Bus aufs Stifserjoch in die Dolomiten fuhren und auf einer Alm von einem schweren Gewitter überrascht wurden.

Nach der Hochzeitsreise mußte sich das junge Paar eine Wohnung in Königsberg suchen, aber das war nicht so einfach.

Es gab nur wenige Wohnungen, und die waren zudem für damalige Lebensverhältnisse ziemlich teuer. Nur mit einem Zuschuss meiner Großmutter konnten sie sich den kleinen Traum erfüllen.

Sie erhielten in Königsberg in der Wrangelstrasse 7, Parterre, eine eigene Wohnung. Ein Jahr lebten sie in dieser Wohnung, dann wurde mein Vater von seiner Firma C. F. Willert entlassen. Der Beruf „Holzkaufmann“ hatte übrigens dauerhaft auch keine besonderen Zukunftsperspektiven zu bieten.

Von gutem Zufall oder Glück konnte man reden, als eines Tages der Vetter Walter Forche zu meinem Vater kam und erzählte, daß es an der Universität zu Königsberg einen neuen Studiengang für die Ausbildung zum „Diplom-Handelslehrer“ gäbe, weil in Ostpreußen Handelsschulen und kaufmännische Berufsschulen eingerichtet werden sollten.

Mein Großvater Schönwald gab seinem Schwiegersohn sofort das notwendige Studiengeld. Mein Vater studierte in kürzester Frist, legte ein glänzendes Examen ab und wurde sogar bald Leiter der Drogistenfachschule in Königsberg, beliebt bei Schülern und Kollegen.

In diesem Zusammenhang möchte ich einen Abstecher in die allerjüngste Vergangenheit machen. Als meine Frau Rosemarie und ich 1994 mit dem Bus nach Ostpreußen fuhren ( die Reiseteilnehmer waren fast ausschließlich gebürtige Ostpreußen ) kam ich auch mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Er erzählte, daß er in Königsberg die Berufsschule besuchtg hätte, da er ursprünglich Drogist werden wollte. Ich fragte ihn, um welche Berufsschule es sich denn handelt. Er sagte kurz: „Die in Königsberg“, hielt kurz inne und ergänzte zu meinem Erstaunen: „Ich war in Königsberg auf der Drogistenfachschule. Unser Klassenlehrer und Schulleiter war ein Herr Günther. Wir alle haben ihn hochverehrt!“
Daraufhin teile ich ihm mit, daß dies mein Vater war. Über diese Mitteilung hatte sich der Herr sichtlich gefreut.

Zurück in die Weimarer Zeit der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Das Kollegium der Königsberger kaufmännischen Schulen aß zu Mittag fast ausschließlich im „Annenbräu“ in der Schürlingstraße in Königsberg am Corinthendamm. Eines Tages – ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt – besuchte ich mit meinem Vater diese Gaststätte. Der Wirt kam gleich auf uns zu und begrüßte uns. Daraufhin sagte mein Vater zu mir: „Sag’ dem Onkel guten Tag!“ Das Wort „Onkel“ gefiel mir aber nicht, denn aus dem Alter, in dem man zu jedem fremden Mann „Onkel“ sagen mußte, war ich doch schon wirklich heraus! „Nein, nein,“ lachte mein Vater, „das ist wirklich Dein Onkel!“ Wie ich daraufhin erfuhr, war der Wirt einer der Günthers aus Insterburg. Fahrradfahren1924

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